Mit dieser Tour möchte ich dich in die „sozialistische Hauptstadt“ Berlin entführen: Der Palast der Republik ist zwar längst Geschichte und dem wiederaufgebauten Stadtschloss als Humboldtforum gewichen, dennoch ist das Areal um Alexanderplatz und ehemaliges Regierungsviertel der DDR bis heute dominiert von sozialistischer Architektur und Denkweise. Wer verstehen will, wie ein sozialistischer Staat wie die DDR gedacht und gehandelt hat, der muss sich hier umschauen. Zugleich findet sich hier Berlins historische Mitte – die Stadt an der Spree hatte hier ihren Ursprung, daran erinnert heute leider nur noch wenig. Krieg und DDR haben ihren Teil dazu beigetragen. Deshalb will ich auf meiner Tour auch das alte historische Berlin nicht unerwähnt lassen.

Für die Tour durch die historische Mitte in die „sozialistische Hauptstadt“ Berlin solltest du einen halben Tag einplanen – plus die Zeit, die du in Museen und Ausstellungen verweilen möchtest.

Wir starten deshalb mit unserer Tour an der S- und U-Bahnstation Jannowitzbrücke. Hier blicken wir auf das „maritime Flair“ der Stadt Berlin, die durch ihre zahlreichen Brücken und Wasserstraßen geprägt wird. Ein kleine Strandbar lädt hier zum Verweilen ein, oder um sich für diese Tour bereit zu machen 😉 Wenn du dich vorab über die Stadtgeschichte Berlins informieren möchtest, um Grundlagen für diese Tour zu legen, solltest du hier das Märkische Museum aufsuchen. Vom Schiffsanleger hier an der Jannowitzbrücke kannst du auch auf eine Brückenfahrt durch Spree und Landwehrkanal starten, sehr empfehlenswert. Der Schiffsanleger ist übrigens der Stumpf der alten Waisenbrücke, die hier zum gegenüberliegenden Rolandufer führte. Auch dort sind die Reste der Brücke noch zu sehen, du kannst auf Bänken den Spreeblick genießen. Die Brücke wurde von der DDR beseitigt, obwohl sie die Bombenangriffe im Krieg überlebt, dann teilweise von den abrückenden Deutschen zur Verteidigung der Stadt gesprengt, letztlich aber sogar bis in die 50er Jahre hinein für Fußgänger repariert und auch als Trasse für die Trümmerbahn genutzt wurde.

Wir folgen von der Jannowitzbrücke dem Rolandufer Richtung Westen. Wir blicken auf das gegenüberliegende Ufer: Dort findet sich der historische Hafen Berlins, der auf jeden Fall auch einen Besuch wert ist, rechts davon die Mühlendammschleuse. Wir erreichen auf der rechten Seite die Alte Münze. Bereits in den 1930er Jahren wurden hier die Reichsmark-Münzen geprägt, Ende 1947 begann hier die Prägung von 5- und 10-Pfennig-Stücken der neuen DDR-Währung. Schon kurz nach der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 zwischen der noch existierenden DDR und der Bundesrepublik begann dann hier die Produktion von D-Mark-Münzen und später 1999 sogar die von Euro-Münzen. Ende 2005 war dann aber Schluss – heute ist die Alte Münze ein Zentrum von Kunst und Kultur mit wechselnden Ausstellungen. Für einen Zwischenstopp empfehle ich dir das schöne kleine Café The Greens & Plants.

Vor der Mühendammbrücke biegen wir dann rechts ab Richtung Moltkemarkt – eine Großbaustelle für mehrere Jahre. Hier finden zur Zeit auch Ausgrabungen statt, um die Geschichte Berlins, die hier ihren Ursprung nahm, zu erforschen. Rechts fällt unser Blick auf das Alte Stadthaus, das den Platz weit überragt. Hier war der Magistrat der Stadt Berlin zu Hause, ab 1956 diente das Haus unter anderem dem ersten Ministerpräsidenten der DDR Otto Grotewohl und ab 1960 wurde das Gebäude zum Amtssitz des gesamten DDR-Ministerrats. Etwas abseits von den anderen Regierungsgebäuden, spielte doch der Ministerrat in der SED-Diktatur keine so große Rolle.

Wir laufen nun links am Stadthaus vorbei in die Parochialstraße und steuern damit direkt auf die Parochialkirche zu. Eine sehenswerte Kirche, die erst vor wenigen Jahren am 1. Juli 2016 eine neue Kirchturmspitze und ihr Carillon mit 52 Glocken zurück erhielt – im Krieg war die Kirche bis auf die Außenmauern zerstört worden. Hinter der Parochialkirche findet sich übrigens noch ein Stück alte Stadtmauer und mit der „Zur letzten Instanz“ ein empfehlenswertes uraltes Berliner Speiselokal, das hier schon lange im Gerichtsviertel ansässig ist. Wir biegen aber links in die Klosterstraße ein und laufen auf die Ruine der Franziskaner Klosterkirche zu. Der Bau geht auf das Jahr 1250 zurück, als weit in die Anfänge Berlins. Der U-Bahnhof Klosterstraße bietet übrigens auch eine kleine Überraschung 😉

Wir überqueren aber am Ende der Klosterstraße die breite Grunerstraße und gelangen durch die Rathauspassage direkt zum Berliner Fernsehturm. Damit haben wir die „sozialistische Mitte“ Berlins erreicht. Der Fernsehturm sollte mit seiner Höhe alle anderen Gebäude überragen, auch die Marienkirche am Fuße des Fernsehturms. Weltliche, sozialistische Macht wollte über die kirchliche Macht hinauswachsen. Zur „Strafe“ spiegelt sich nun das göttliche Kreuz in der Sonne auf der Kugel des Fernsehturms. Alles Putzen und Entspiegeln durch die DDR-Oberen half nichts, das Kreuz strahlt im Sonnenlicht bis heute.

Rechts vom Fernsehturm findet sich hinter der S-Bahn der Alexanderplatz mit seiner Weltzeituhr. Jede Macht in Berlin hat ihn nach ihrem Ermessen ungestaltet, bis heute ist der Platz Experimentierfeld für Architekten und Stadtplaner. Wie es mit dem Platz weitergehen kann, zeigt eine Ausstellung im Haus der Statistik gleich um die Ecke.

Wir konzentrieren unseren Blick auf den Platz vor dem Fernsehturm – auch hier ist völlig unklar, wie er mal aussehen wird, wenn der Lückenschluss der U-Bahnlinie 5 erfolgt ist. In seiner Mitte findet sich der Neptunbrunnen, geteilt wird der Platz durch die Spandauer Straße, die am Roten Rathaus vorbeiführt. Kaum vorstellbar: Hier ist die historische Mitte Berlins, früher dicht bebaut mit kleinen Häusern, unter dem Platz liegen Fundamente der Jahrhunderte. Kein Wunder, der Handel blühte, lag doch Berlin schon damals an zwei wichtigen Handelsrouten: die West-Ost-Verbindung von der Kaiserstadt Aachen bis weit ins heutige Polen hinein (heute die Bundesstraße B1) und der Nord-Süd-Verbindung vom heutigen Polen bis an die deutsch-österreichischen Grenze bei Mittenwald (die Bundesstraße B2) – ihr historischer Vorläufer ist die mittelalterliche Via Imperii -, beides Bundesstraßen treffen hier in der Mitte Berlins zusammen.

Hier auf dem Platz findet sich auch das Marx-Engels-Denkmal, etwas versteckt am Rande hinter Bäumen. Die beiden Linken wurden seit der Wende schon munter hin und her geschubst, sie passen wohl nicht mehr ins Bild der heutigen Zeit. Aber schon zu DDR-Zeiten fand es keine große Liebe – als die DDR-Regierung es beauftragt hatte, wünschte man sich ein großes beeindruckendes Monument, der Künstler zeigte Marx und Engels aber eher von einer persönlichen Seite, eben nicht so sozialistisch wie gewünscht.

Nach dem zweiten Weltkrieg hat die DDR-Regierung hier gesprengt und enttrümmert und aus dem Platz ihr sozialistisches Zentrum und Regierungsviertel gemacht. Wir laufen über die Rathausbrücke bis zum Schlossplatz: Links sehen wir das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR, rechts befindet sich das Humboldtforum, ein „Welt-Museum“ entsteht hier gerade. Es findet Platz in den Räumen des neu aufgebauten Stadtschlosses mit seiner historischen Fassade – lediglich zur Spree hin erinnert eine nüchterne Beton-Fassade an die Rückseite des Palasts der Republik, der hier einmal gestanden hat. Die DDR-Regierung hatte das Stadtschloss nach dem Krieg sprengen lassen, auch wenn der Zerstörungsgrad durch den zweiten Weltkrieg gar nicht so erheblich war. Preußen musste weg, man brauchte Platz für den Sozialismus. Wobei nicht ganz: Ein Portal des Stadtschlosses wurde vor der Sprengung in den Neubau des Staatsratsgebäudes der DDR integriert, handelte es sich doch um das sogenannte „Karl-Liebknecht-Portal“, von welchem Karl Liebknecht am 9. November 1918 die „Sozialistische Deutsche Republik“ ausgerufen hatte.

Hier auf dem Schlossplatz stehen wir nun mitten im Regierungsviertel der ehemaligen DDR: Dort, wo heute das Stadtschloss wieder steht, tagte die Volkskammer, das Parlament der DDR im damaligen Palast der Republik. Davor viel Platz für repräsentative Zwecke. Das Staatsratsgebäude der DDR gleich daneben. Laufen wir über die Brücke über den Kupfergraben vom Schlossplatz zum Werderschen Markt blicken wir auf das heutige Auswärtige Amt der Bundesregierung, früher war das Haus am Werderschen Markt Reichsbank, das Ministerium der Finanzen der DDR und es beherbergte das Zentralkomitee der SED. Hinter uns stand auch das Außenministerium der DDR, zwischen 1995 und 1996 wurde das Gebäude allerdings aus städtebaulichen Gründen abgerissen. Hier soll der historische Stadtgrundriss wiedererstehen – mit dem Schinkelplatz und Wiederaufbau des Gebäudes der Bauakademie. So schafft jede Zeit ihre Architektur – bislang dominiert aber noch der Sozialismus diesen Platz in der historischen Mitte Berlins. Ich bin gespannt, wie lange noch….

Zum Abendessen empfehle ich dir nach dieser Tour einen Besuch des wirklich sehenswerten Nikolaiviertels zwischen Kupfergraben und Rotem Rathaus. Das denkmalgeschützte Nikolaiviertel in der historischen Mitte Berlins ist das älteste Siedlungsgebiet der Stadt, im zweiten Weltkrieg wurde es fast vollständig zerstört. Zum 750. Geburtstag der Stadt Berlin hat es der Magistrat von Ost-Berlin in 7 Jahren auf mittelalterlichem Grundriss wieder aufgebaut. So finden sich heute hier wieder historische Bürgerhäuser und entsprechend angepasste Plattenbauten rund um die rekonstruierte Nikolaikirche. Empfehlenswerte Restaurants sind Mutter Hoppe, der Paddenwirt oder auch der Nussbaum. Bierfreunde sollte Brauhaus Georgbräu aufsuchen.