Mein Spaziergang durch Kreuzberg ist ein bisschen touristisch, ein bisschen kulinarisch, ein bisschen Shopping, ein bisschen Berlin-Anfänger und ein bisschen für fortgeschrittene Berlin-Besucher. Denn auf einer Tour durch Kreuzberg 36 gibt es immer was zu entdecken, auch wenn du den ein oder anderen Ort, den ich hier vorstelle, schon kennst. Kreuzberg 36 war zu Zeiten der Teilung der Stadt der „abgehängte“ Stadtteil im Westen: direkt an und umgeben von der Mauer, von vielen als Wohngegend gemieden, alternativ und vor allem politisch – „Instandbesetzung“ war hier das Stichwort der Hausbesetzer, die Band Ton Steine Scherben hat den Mariannenplatz musikalisch unvergessen gemacht.. Von allem ist heute noch etwas zu entdecken – einen kleinen Einblick liefert übrigens auch das sehenswerte Asisi-Mauer-Panorama am Checkpoints Charlie . Es bildet das Leben an der Mauer in Kreuzberg ab.

Warum Kreuzberg 36? Die 36 steht für den alten Postleitzahlen-Bezirk zur Zeit der Teilung der Stadt, der Club SO36 trägt noch heute die Postleitzahl in seinem Namen. Der Club ist sowas wie eine Institution in diesem Teil Berlins. Meine Tour bewegt sich nahezu ausschließlich in diesem Teil Kreuzbergs 36 – ich empfehle dir aber auch meine Tour durch den ruhigeren, gediegenen Teil Kreuzbergs – durch Kreuzberg 61 😉

Für diese Tour solltest du einen Tag einplanen. Natürlich solltest du auswählen und den ein oder anderen Tipp nur streifen und die Tour dadurch zeitlich etwas abkürzen. Aber Kreuzberg verdient durchaus einen Tag dein Augenmerk bei einem Berlin-Besuch. Nicht alle Tipps für Kreuzberg konnte ich in diese Tour aufnehmen – weitere Tipps findest du hier.

Wir starten am U-Bahnhof Warschauer Straße, den du auch mit der S-Bahn erreichen kannst, der Bahnhof ist direkt nebenan. Wer zum ersten Mal in Berlin ist, sollte sich ein paar Minuten für die East-Side-Gallery nehmen, das längste erhaltene Mauerstück, es liegt auf der Friedrichshainer Seite der Spree – danach geht es über die wohl schönste Brücke der Stadt, die Oberbaumbrücke. Sie wurde im Krieg teilweise zerstört, blieb aber als Grenzübergang von West nach Ost für Fußgänger erhalten, von ihren stolzen Türmen, die nur noch als Stummel erhalten waren, sollen die Grenzpolizisten einen guten Blick auf die Spree gehabt haben. Heute erstrahlt die Brücke in altem Glanz und auch die U-Bahn endet nicht mehr am Schlesischen Tor.

Sobald wir die Oberbaumbrücke überquert haben und in Kreuzberg gelandet sind, folgen wir der Oberbaumstraße, die hier einen Bogen nach rechts macht. die U-Bahn fährt hier oberirdisch, es ist die älteste U-Bahn-Strecke in Berlin. Auf der rechten Straßenseite erwartet dich ein wahres Highlight für alle Freunde des Punks: Das Ramones-Museum, eine Mischung aus Museum, Bar oder Kneipe – bitte nur mit Museumswegbier besuchen.Solltest du nach einem Museumsbesuch schon Hunger haben, wartet wenige Meter weiter Berlins bester Burger auf dich: Der Burgermeister, direkt unter der U-Bahn in einem alten umgebauten Toilettenhäuschen. Echte Fans stehen hier schon mal eine knappe Stunde in der Schlange, um einen der beliebten Burger zu ergattern.

Wir folgen den Gleisen über uns weiter entlang der Skarlitzer Straße. Rechts biegen wir bald in die Wrangelstraße ein und folgen ihr, bis wir die Eisenbahnstraße kreuzen. Hier wartet eine der schönsten Markthallen Berlins auf uns: Markt 9 mit vielen kulinarischen Highlights aus der Region sowie Gewürzen aus der Ferne. Auch die Craftbeer Brauerei Heidenpeters hat in der Halle ihr zu Hause. Wenn du jetzt auf den Geschmack gekommen bist, empfehle ich dir auch meine Tour durch die Berliner Markthallen.

Nach dem Besuch der Markthalle folgen wir wieder dem Verlauf der Wrangelstraße bis zu ihrem Ende. Vor uns erhebt sich die St. Thomas-Kirche. Ich empfehle dir einen Abstecher rechts um die Kirche herum: Hier erwartet dich ein Baumhaus, das Geschichte zu erzählen hat: Es steht in Osman Kalins Garten. Früher lag es direkt an der Mauer, auf westlicher Seite, aber noch auf dem Staatsgebiet der DDR. Auf diesem „Niemandsland“ gewissermaßen entstand so ein Garten, der bis heute erhalten geblieben ist.

Kreuzberg politisch: „Instandbesetzung“

Noch heute ist hier in Kreuzberg viel von der politischen Szene damals zu spüren: Wenn du die Thomaskirche umrundet hast, stößt du auf das Gelände des ehemaligen Bethanien-Krankenhauses, gleich vorn erwarten dich die Ton Steine Gärten, vermutlich benannt nach Rio Reisers einzigartiger Band Ton Steine Scherben. So ziemlich alles hat die Band zu einem Lied gemacht, was hier im Kiez so abging. Der Mariannenplatz vor dem Bethanien hat seine Hymne, ebenso das Rauch-Haus, das noch heute farbenfroh auf dem Gelände zu sehen ist. Das Bethanien beherbergt heute Künstler: eine Galerie mit wechselnden Kunstausstellungen (Eintritt frei!) oder das Cafe mit kleinem Biergarten „Die drei Schwestern“. Über die Geschichte Kreuzbergs, Hausbesetzungen, Instandbesetzungem Abriss und Neubau informiert das Kreuzbergmuseum, an dem wir später noch vorbeikommen. Wir gehen erstmal zurück zur Thomaskirche und folgen dem Bethaniendamm / Engeldamm bis zum Engelbecken.

Das Engelbecken ist der letzte mit Wasser gefüllte Rest des Luisenstädtischen Kanals, der hier verlief. Er wurde schon 1926 wieder zugeschüttet und zu einer Gartenanlage umfunktioniert. Zur Zeit der Teilung verlief hier die Mauer, heute sind Teile der Gartenanlage sehenswert rekonstruiert. Wir folgen dieser Anlage bis zum Oranienplatz, der heute den Titel Gartendenkmal trägt. Früher teilte der Kanal diesen Platz in zwei Hälften. Wer nun noch Lust auf etwas „Urban Gardening“ bekommen hat, der biegt rechts in die Oranienstraße ein bis zum Moritzplatz, die Prinzessinengärten sind diesen Abstecher wert. Ansonsten ist jetzt Zeit für eine Kaffeepause oder eine kleine Mahlzeit – entweder im Max und Moritz in der Oranienstraße oder im Kuchen-Kaiser auf dem Oranienplatz.

Wir folgen nun vom Oranienplatz aus der Oranienstraße nach links: Gleich drei Highlights erwarten uns in der Oranienstraße 25/26: Das Museum der Dinge, in dem so ziemlich alles ausgestellt ist, das irgendwann mal erfunden, hingestellt oder aufgestellt wurde – ein faszinierendes Museum. Im gleichen Gebäude lade ich dich zum Stöbern in den Buchladen „Kitsch & Co“ ein oder: Wie wäre es mit einer neuen Bürste? In der Bürstenmanufaktur bekommst du Bürsten in so ziemlich jeder Form und für jeden Funktion. Sehenswert! Etwas weiter ist auch der Musikclub SO36 – die traditionsreiche Halle in der Oranienstraße hat ihren Namen vom gleichnamigen historischen Postzustellbezirk Berlin SO 36

Wir laufen wenige Meter zurück und biegen nun links in die Adalbertstraße ein. Auf der rechten Seite – kurz vor dem Kottbusser Tor – erreichen wir das Kreuzbergmuseum, es zeigt, wie der Kiez einmal ausgesehen hat, wie Menschen hier gelebt haben und warum es sich lohnt(e), für den Erhalt der historischen Bausubstanz zu kämpfen. Du wirst Instandbesetzung mit ganz anderen Augen sehen – vor allem, wenn du Kreuzbergs „Wahrzeichen“, den Wohnblock am Kottbusser Tor, gleich um die Ecke zu sehen bekommst und ganz gewiss mit dem Kopf schütteln wirst. Trotzdem leben hier heute viele Menschen, multikulturell und sie lieben ihr Kotti – es blieb ihnen ja auch nichts anderes übrig 😉

Vom Kottbusser Tor folgen wir nun der Kottbusser Straße bis zum Landwehrkanal. Hier sieht Kreuzberg plötzlich ganz anders aus: so mondän, so schick, so ruhig. Ein Bummel hier am Paul-Lincke-Ufer lohnt sich immer. Gegenüber auf der anderen Uferseite des Landwehrkanals findet jeden Dienstag und Freitag der so genannte Türkenmarkt statt – auch ein Erlebnis! Wir folgen dem Paul-Lincke-Ufer nach links – Lincke war Komponist und Theaterkapellmeister. Er gilt als „Vater“ der Berliner Operette. Wenn du auf guten Kaffee stehst, empfehle ich dir links das Concierge, an dem wir gleich vorbeikommen.

Kreuzberger alternatives Leben von heute gibt es wenige Gehminuten entlang des Landwehrkanals zu sehen, wenn du links in die Lausitzer Straße abbiegst: Hier gelangst du auf der linken Straßenseite zum Kinder-, Kultur- und Nachbarschaftszentrum Regenbogenfabrik. Du kannst preiswert Mittagessen, Fahrräder leihen, günstig übernachten, einen Kaffee trinken oder ins alternative Kino gehen. Zurück am Lincke-Ufer sehen wir bald auf der linken Seite ein beeindruckendes Gebäude: das alte Umspannwerk. Heute haben hier kleine Firmen und Start-Ups ihr Domizil. Hier lohnt es sich kurz den Landwehrkanal zu überqueren, um bei Fräulein Frost in der Friedelstraße das wahrscheinlich beste Eis Berlins zu schlecken.

Wir biegen links in die Ohlauer Straße ein – den besten Kreuzberger Kaffee gibt es gleich neben dem Penny auf der linken Straßenseite – einfach der Einfahrt zu Boulderklub und Waschhaus folgen und du gelangst in die Zazza-Rösterei. Toll hier!

Wir folgen nun der Ohlauer Straße bis zum Görlitzer Park. Bekannt aus Funk und Fernsehen. Hier kannst du riechen, chillen, kaufen – nicht jedem ist das recht. Der Görlitzer Park war früher das Bahngelände des Görlitzer Bahnhofs, Reste des Güterbahnhofs sind noch auf dem Gelände – heute als Gastro – erhalten. An lauen Sommerabenden bevölkern unzählige junge Leute die kleine Arena gegenüber im Park. Wir biegen links in die Wiener Straße ein und können ein wahres Kuriositätenkabinett besuchen. Auf der linken Straßenseite gibt es im Tiki Heart den Schick und Schrammel Kreuzbergs zu erwerben – und ein Bier trinken kannst du hier auch.

Keine Tour in meinem Blog ohne ein schönes Abendessen: Heute empfehle ich dir Kumpel und Keule, die Speisenwirtschaft mit Fleisch aus der Region. Hier wird mit Liebe gebraten und gekocht, wirklich empfehlenswert! Du biegst einfach rechts von der Wiener in die Lausitzer Straße ein – die Kumpels mit Keule sind schräg gegenüber an der Skalitzer Straße. Und zum Nachtisch gibt es dann noch ein gutes Craftbeer im Hopfenreich in der Sorauer Straße.