Diese Tour ist – für mich – einer der schönsten Spaziergänge durch die Mitte Berlins. Wobei der Begriff Scheunenviertel nicht ganz richtig ist, meine Tour führt dich durch weite Teile der Spandauer Vorstadt mit urbanem Flair, wundervollen Hinterhöfen und einer spannenden jüdischen Geschichte. Seinen Namen hat das Scheunenviertel schon seit dem 17. Jahrhundert: Damals wurden hier 27 Scheunen gebaut, um zum Beispiel die Getreidevorräte der Stadt direkt hier an der Stadtmauer zu lagern. Wir starten unsere Tour direkt am S-Bahnhof Hackescher Markt und können, wenn du sie noch nicht kennst, einen kurzen Blick in die Hackeschen Höfe werfen, Das lohnt sich: 8 interessante Hinterhöfe erwarten dich.

Je nachdem, wie viel Zeit du hast, empfehle ich für die Tour einen Nachmittag mit Abend – oder eine verkürzte Ausgabe abends in 1-2 Stunden.

Wer zum Start in die Tour noch einen Kaffee braucht oder ein Kaltgetränk, der sollte sich nichts hier in den Höfen besorgen – günstiger und originaler geht es nur im angeblich ältesten Café am Hackeschen Markt. Wenn man zum Café Cinema überhaupt Café sagen kann 😉 Es ist gleich neben an und ich empfehle im Hinterhof zu sitzen, im Hof des Haus Schwarzenberg. Der ganze Hof ist fest in der Hand von jungen unabhängigen Künstlern.

Das Haus Schwarzenberg bietet schon mal einen wahren Kontrast zu den prachtvoll restaurierten Hackeschen Höfen mit ihrem Kino, den Läden und Restaurants. Dafür wurde in diesem Hof Geschichte geschrieben: Otto Weidt beschäftigte in seiner Blindenwerkstatt hier viele jüdische Mitbürger, später versteckte er sie vor den Nazis – ihm kommt also zu recht große Anerkennung zu. Ein Museum informiert heute über das Wirken von Otto Weidt.

Jüdisches Leben im Scheunenviertel

Schon im frühen 18. Jahrhundert siedelten sich hier im Scheunenviertel viele Juden an, die in Berlin kein eigenes Haus besaßen. Das taten sie nicht freiwillig – es gab dazu einen Erlass von Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1737. Das führte letztlich aber dazu, dass hier ein Viertel mit starken jüdischen Kultureinflüssen entstand, mit Synagoge, Schulen, Cafés und koscherem Angebot in den Läden. Das Scheunenviertel wuchs zu einer großen jüdischen Gemeinde in Berlin heran und das ist auch heute noch so.

Nachdem wir nun schon zwei Hinterhöfe kennengelernt haben, laufen wir die Rosenthaler Straße hinunter und gleich auf der linken Seite sehen wir die Rosenhöfe – eine kleine Oase zum Wohlfühlen mit Gastro und kleinen Läden. Durch die Rosenhöfe schlängeln wir uns zu einem anderen Ausgang in die Sophienstraße. Der Straße folgen wir nun Richtung Norden und besuchen auf der rechten Seite die wunderschönen Sophie-Gips Höf, im mittleren Hof befindet sich eines der Cafés von Cynthia Barcomi, selbst gerösteter Kaffee und leckerer Kuchen erwarten dich.

Wir folgen der Sophienstraße, bis sie auf die Große Hamburger Straße stößt und gehen weiter, bis wir die Auguststraße kreuzen. Die Sophienstraße liegt mitten im ältesten erhaltenen Berliner Viertel, du kannst hier quasi die Luft des alten Berlins einatmen. Und in den vielen Hinterhöfen auch ohne Autoverkehr mit Abgasen 😉
Der Koppenplatz ist auch so eine Oase, er liegt direkt vor uns, wenn wir einige Meter weiter geradeaus gehen. Die Schritte lohnen sich – bei meinem Spaziergängen mit Berlin-Besuchern halte ich immer am Denkmal auf dem Koppenplatz, das an die deportierte jüdische Bevölkerung hier im Scheunenviertel erinnert. Mehr dazu in meiner Tour auf den Spuren jüdischen Lebens in Berlin.

Wenn du am Koppenplatz vorbei noch etwas weiter Richtung Torstraße laufen möchtest, empfehle ich dir einen frisch gerösteten Kaffee aus der Röststätte Berlin oder einen Einkauf in einem wunderbaren „Edelspäti“ Whatever auf der Torstraße – tolle Getränkeauswahl und sehr sympathisch!

Ansonsten führt uns unsere Tour wieder zurück in die Auguststraße, wir biegen Richtung Westen ein und schon bald kommt auf der linken Seite eine Institution im Scheunenviertel: Clärchens Ballhaus. Glamour und Glanz alter Tage sind erhalten geblieben, auch wenn das Vorderhaus zur Auguststraße nicht mehr steht. Aber nicht schlimm, sehen wir es pragmatisch: dadurch ist jetzt Platz für einen großen Biergarten. Ansonsten kommst du am besten abends hier zum Schwofen vorbei – wie der Berliner sagt, jede Musik, live oder mit DJ, jede Art von Publikum, von Anzug bis kurze Hose, alles erlaubt.

Wir folgen der Auguststraße weiter und biegen nun links in die Tucholskystraße ein – rechts siehst du das sehenswerte alte Postfuhramt – ein prachtvolles Gebäude. Gegenüber das Zosch – die Burger kann ich empfehlen.

Das alte Postfuhramt (das Bild zeigt es von hinten mit Innenhof) liegt direkt am S-Bahnhof Oranienburger Straße. Ein interessanter Bahnhof, gehörte er doch zur Zeit der DDR zu den so genannten Geisterbahnhöfen. Aus- und einstiegen unmöglich – die Linie verbindet den Norden Berlins mit dem Süden (beides damals West-Berlin) und ging unter dem Gebiet Ost-Berlins hindurch. Wenn du hier einsteigst und zum Nordbahnhof fährt, kannst du dir eine Fotoausstellung zum Thema anschauen.
Direkt gegenüber dem Postfuhramt befindet sich übrigens das Aufsturz mit fast 100 Bieren auf der Karte, nur mal so nebenbei 😉 Weiter oben in der Straße befand sich mal das Kunsthaus Tacheles. Heute nicht mehr, Jammer schade.

Wir biegen hier links in die Oranienburger Straße ein und laufen Richtung Süden. Die „O-Burger“, wie sie so schön heißt, ist belebt vom Tourismus. Umso weiter du zum Hackenschen Markt kommst, umso deutlicher spürst du es. Die Damen mit den hohen Stiefeln, die hier abends stehen, scheinen wohl noch immer dafür zu sorgen, dass der ein oder andere Touri auf seine Kosten kommt.

Wenn wir die Oranienburger weiterlaufen, heißt es auf der linken Straßenseite nun erstmal einen Blick in die Heckmannhöfe zu werfen.

Die Heckmannhöfe lohnen sich wirklich: Gleich am Eingang links wirst du von einer Bonbonmacherei begrüßt – im hinteren Teil des Innenhofs finden sich Gastro und Läden. Du kannst zu den Öffnungszeiten die Bonbonmacherei gerne besuchen und dir deine Leckereien auswählen. Wenn wir der Oranienburger Straße nun weiterfolgen, kommen wir direkt an der Synagoge vorbei – abends prachtvoll erleuchtet, die glänzende Kuppel siehst du weiter über der Mitte Berlins strahlen.

Wieder etwas weiter kommt schließlich der Kunsthof Berlin. Hier lohnt vor allem ein Besuch der Tadschikischen Teestube im hinteren Teil – sowas hast du noch nicht gesehen. Ich empfehle Tee mit Rum-Rosinen und Wodka. Langsam nähern wir uns damit auch dem Ende unserer Tour durch das Scheunenviertel. Rechts solltest du unbedingt noch dem Monbijou-Park einen Besuch abstatten.

Ich empfehle dir, diese Tour an einem Nachmittag zu machen, damit du abends noch in ein feines Berliner Mitte Lokal einkehren kannst. Für die Fans der Berliner Küche möchte ich sehr das Sophien 11 empfehlen. Wer es exotisch vietnamesisch mag, dem empfehle ich das Chén Chè Teehaus – hier gibt es ganz sicher auch mehr als guten Tee. Und an einem lauen Sommerabend solltest du schließlich den Tag entspannt im Liegestuhl mit Blick auf Spree und Bodemuseum ausklingen lassen. Einer meiner Lieblingsorte Berlins.