Heute möchte ich dich in eine der – für mich – schönsten Ecken Berlins entführen: eine Tour durch Bergmannkiez und Graefekiez in Kreuzberg. Es ist das ruhigere, entspannte Kreuzberg – und nicht das quirlige, immer noch politische, multikulti Kreuzberg 36. Dieses Kreuzberg mit seinem Nachtleben habe ich dir mit einer eigenen Tour vorgestellt. Die Nummer 36 steht für den Postleitzahlbezirk von Kreuzberg 36 zur Zeit der Teilung der Stadt. In dieser Tour lernst du das gediegenere Kreuzberg 61 kennen. Du wirst auf dieser Tour schöne Altbau-Fassaden, sehr viel Grün und städtisches Leben kennen lernen.

Für die Tour durch Bergmannkiez und Graefekiez solltest du einen Tag veranschlagen. Wir laufen die meiste Zeit Berg ab, außer zum Start: Da müssen wir den steilen Kreuzberg hinauf. Wenn du nur einen halben Tag Zeit hast, kannst du auch nur den Bergmannkiez erkunden und endest am Südstern (U-Bahnlinie 7), oder du startest eben hier zu einer Tour durch den Graefekiez wie später beschrieben.

Wir starten mit unserer Tour am U-Bahnhof Mehringdamm (U6 und U7). Wir steigen auf der rechten Straßenseite aus – also dort, wo sich gleich zwei Berliner Institutionen für einen schnellen Happen zum Essen finden: Curry 36 und Mustafa’s Gemüse Kebap. Wobei Halt: Bei Mustafa’s stehst du in einer Schlange, zumeist einer sehr langen Schlange, abends dauert es schon mal 45 Minuten, bis du zu deinem Kebab kommst. Bei Curry36 bekommst du die gute Berliner Currywurst – man streitet sich, ob nun Curry 36 oder Konnopke’s Imbiß im Prenzlauer Berg die bessere Currywurst machen. Ich bin für Konnopke, aber das ist bekanntlich Geschmackssache. Wenn du mal abends hier in der Gegend bist, dann solltest du das Programm des BKA-Theaters studieren, die Auftritte von Theatersport Berlin kann ich dir immer wieder empfehlen.

Wir folgen nun dem Mehringdamm bergauf und überqueren die große Kreuzung mit der Gneisenauerstraße. An der Kreuzung möchte ich deinen Blick nach schräg gegenüber auf die andere Seite richten. Hinter den Häuserfassaden finden sich der MehringHof oder die Sarotti-Höfe – hier sollen bis zu 1800 Menschen in Fabriketagen beschäftigt gewesen sein, ein großes Logo mit dem Sarotti-Mohren erinnert noch an den bekannten Schokoladenhersteller. Im Januar 1922 wurde allerdings die Schokoladenproduktion auf dem Gelände nach einem Brand eingestellt und nach Tempelhof verlegt.

Wir laufen den Mehringdamm weiter hinauf, bis es rechts in die Kreuzbergstraße geht. Berlin-Nicht-Kenner wird es überraschen: Den Kreuzberg gibt es wirklich und er hat eine Spitze – wir wollen ihn nun besteigen und den Ausblick genießen. Nachdem wir wenige Meter die Kreuzbergstraße entlang gelaufen sind, wird links ein Park sichtbar – der Viktoriapark, der uns auf den Kreuzberg führt. Es ziert ihn ein kleiner Wasserfall, dem folgen wir nach oben. Auf seiner Spitze weit sichtbar ist das 18,83 Meter hohe Nationaldenkmal für die Befreiungskriege errichtet worden. Von hier blicken wir den Berg hinunter bis nach Mitte. Am Rande des Kreuzbergs liegt auch ein Biergarten, der einen Besuch lohnt, auch wenn sein Name erschrecken mag: Golgatha.

Auf der anderen Seite des Viktoriaparks sind auf dem Gelände der Alten Brauerei neue Appartmenthäuser entstanden, nicht unumstritten. Neben dem Golgatha findet sich das Willy-Kressmann-Stadion, wir folgen dem Stadion längs und den Park hinunter bis zur Dudenstraße. Dort biegen wir links ab und folgen der Dudenstraße, bis wir den Platz der Luftbrücke mit seinem gleichnamigen Denkmal erreichen. Der stillgelegte Flughafen und das Tempelhofer Feld, die sich gleich dahinter anschließen, sind übrigens auch einen Besuch wert – auf dieser Tour packen wir das zeitlich aber leider nicht. Vom Platz der Luftbrücke laufen wir den Mehringdamm auf der rechten Straßenseite hinunter, rechts biegen wir bald in die Fidicinstraße ab.

Rund um den Chamissoplatz

Viel zu sehen gibt es nun rund um den Chamissoplatz, auf den wir zulaufen: tolle restaurierte Altbauten aus der Gründerzeit, Berlin von seiner schönsten Seite. Links fällt uns der Wasserturm mit seiner roten Fassade auf und schräg rechts gegenüber solltest du eine Pause im Kleinen Weinstock (Nummer 8a) einlegen. Dis Hausweine kann ich dir sehr empfehlen, lass dich einfach vor der Tür an der Straße nieder und lass den guten Tropfen dir munden. Am Wasserturm biegen wir danach in die Kopischstraße ein, folgen dem Rechtsknick und gelangen zum Chamissoplatz, der heute unter Denkmalschutz steht. Zwischen den sanierten Häusern die aus der Gründerzeit siehst du reiche Stuckdekorationen, tolle alte Haustüren, überall Kopfsteinpflaster, historischen Wasserpumpen und Gaslaternen. An der Ostseite des Chamissoplatzes findet samstags ein Bio-Wochenmarkt statt. Unterhalb des Platzes gelangen wir über Arndtstraße und Schenkendorfstraße (rechts halten) zur Bergmannstraße – ins Herz des Bergmannkiezes.

Bergbau hat es in der Bergmannstraße aber nie gegeben. Ihren Namen erhielt die Straße von Marie Luise Bergmann, die rund um die Straße Ländereien besaß. Vorher hieß die Straße noch Weinbergsweg, denn am Anfang des 19. Jahrhunderts zogen sich Weinberge bis hoch zum Tempelhofer Berg. Jedes Jahr im Juni findet hier das Bermannstraßenfest statt, ein tolles, vor allem stressfreies Fest, wie ich finde – 2019 musste es aber in die Kreuzbergstraße verlegt werden, da die Stadt Berlin die Bergmannstraße als „Versuchsobjekt für Verkehrsberuhigung“ entdeckt hat – die Straße wurde so beruhigt, dass nicht mal mehr das traditionelle Fest hier stattfinden konnte.

Auf der Bergmannstraße – alles fußläufig in wenigen Metern erreichbar – eröffnet sich eine Fülle von kleinen Läden, einige davon möchte ich dir hier empfehlen: Gleich rechts an der Ecke, wenn wir die Bergmannstraße betreten, empfehle ich dir das Antiquariat Bergmann 20. Ein toller Laden zum Stöbern, ein bisschen Zeit solltest du mitbringen. Wenn du eher auf Comics stehst, einfach rechts abbiegen bis zur Hausnummer 25, dann ist das Otherland genau deins. Empfehlen kann ich dir auch das Schwesterherz, das ich dir an anderer Stelle im Blog mit seiner Filiale in Friedrichshain schon beschrieben habe. Ebenso die Kaffeerösterei Barcomi’s ist ein Besuch wert, du findest die Rösterei auch in Mitte – dazu gibt es hier einen Blogeintrag. Etwas weiter in der Nummer 31 empfehle ich dir noch einen feinen Italiener, das Fratelli La Bionda.

Gegenüber auf dem Marheinekeplatz findet regelmäßig Flohmarkt statt und gleich daneben solltest du unbedingt die Marheineke Markthalle besuchen, eine alte traditionelle Markthalle Berlins, damals trug sie die Nummer 11, die Hintergründe zu dieser Nummerierung erzähle ich dir in meiner Tour durch die Berliner Markthallen.

Wir folgen der Bergmannstraße Richtung Osten entlang einer langen Friedhofsmauer auf der rechten Seite. Gleich mehrere Friedhöfe grenzen hier direkt aneinander – mit tollen alten Gräbern, Steinmetze haben hier ihr Können wahrlich unter Beweis gestellt. Eine grüne Oase, die du wenigstens kurz besuchen solltest. Zum Einstimmen empfehle ich dir diesen Artikel aus der Morgenpost. Eine Pause kannst du dir im Café Strauss auf dem Friedhof in der Bergmannstraße 42 gönnen. Einen Abstecher sind auch die Floating University wert oder die Ehrenhalle, die von den Nationalsozialisten erbaut wurde und deren Geschichte mir immer noch nicht aufgearbeitet scheint. Wir folgen der Bergmannstraße bis zu ihrem Ende und gelangen zum Südstern, auf dem eine weithin sichtbare Kirche steht.

Wir werden gleich gegenüber in die Körtestraße abbiegen. Wenn du vorher eine Pause brauchst, dann empfehle ich dir das Eis im Eiscafé Delfin oder, wenn du rechts in die Hasenheide einbiegst, ein gutes selbst gebrautes Bier vom Brauhaus Südstern. Das Brauhaus hat hinten einen schönen, ruhigen Biergarten zum Volkspark Hasenheide. Auch dieser Park ist ein hervorragendes Ausflugsziel. An seinem Rand zu Neukölln entsteht gerade der Sri Ganesha Hindu Tempel. Nach einem Spaziergang kannst du ins Wirtshaus Hasenheide einkehren. Aber ich will dich ja nicht auf Abwege bringen, unsere Tour geht in eine andere Richtung weiter.

Vom Südstern biegen wir nun in die Körtestraße ein, die mehrere interessante Überraschungen zu bieten hat: Gleich rechts gelangen wir zu einem großen Rundbau, den Fichtebunker. Er ist der älteste und einzige erhaltene Steingasometer in Berlin. Wenn wir der Körtestraße weiterfolgen, entdrecken wir links plötzlich einige uralte Schriftzüge an den Fassaden der Häuser, sie deuten die kleinen Läden an, die hier früher mal gewesen sind. In der Hausnummer 5 dürfen Mädchen ohne Abitur einkehren, alle anderen natürlich auch, wenn du jetzt eine kurze Pause machen möchtest. Und schon nähern wir uns am Ende der Straße dem Graefekiez – wieder ein Kez mit schönen mondänen Fassaden und alten Wohnbauten.

Vor uns liegt eine Grünanlage zwischen zwei Straßen – zunächst müssen wir die Urbanstraße überqueren, mitten im Grün sehen wir nun den Wrangelbrunnen. Früher stand er im Tiergarten, dort musste er aber einem anderen Brunnen Platz machen. Wir folgen der Grünanlage, bis es rechts in die Dieffenbachstraße geht. Hier solltest du in der Nummer 59 unbedingt beim Feinkost Weinblatt reinschauen, ein toller Laden, am besten gleich die mediterran-türkischen Spezialitäten probieren und draußen eine kleine Pause machen.

Etwas weiter geht es nun links in die Graefestraße, die dem Kiez ihren Namen verliehen hat. Zwei schöne Läden empfehle ich dir hier: Das Kado mit seinen Lakritzen von süß bis salzig, von essbar bis Zahnpasta. Und wenige Meter weiter wieder irgendwas zwischen Buchladen und Antiquariat: Umbras Kuriositätenkabinett. Wir folgen der Graefestraße bis zu ihrem Ende, wir gelangen zum Landwehrkanal. Links ein tolles Café zum Frühstücken, der Fuchsbau, rechts beginnt das Maybachufer mit seinem so genannten Türkenmarkt, gegenüber das schöne Paul-Lincke-Ufer. Vor uns liegt die Kottbusser Brücke, die Straße führt von hier direkt zum Kottbusser Tor im Herzen Kreuzbergs. Wir biegen aber links in das Planufer ein und folgen dem Landwehrkanal – Berlin von einer seiner schönsten Seiten.

Schon bald erreichen wir die nächste Brücke, die Admiralbrücke – Berlin soll mehr Brücken als Venedig haben, nachgezählt habe ich das aber nicht. Eine Bootsfahrt über Landwehrkanal und Spree kann ich dir übrigens auch sehr ans Herz legen: Stadtführung mal anders. Hier an der Admiralbrücke trifft sich abends die Jugend, legt sich am Ufer das Landwehrkanals ab oder kehrt in die Goldmarie ein. Wir folgen dem Landwehrkanal an seinem Ufer weiter, bis wir den Urbanhafen mit dem Restaurantschiff Van Loon erreichen. Hier ist der erste mögliche Schlusspunkt meiner Tour durch Bergmannkiez und Greafekiez erreicht. Einfach toll, hier einen Abend auf dem Boot zu verbringen und auf das Wasser zu blicken. Der Urbanhafen war früher ein Binnenhafen, der heute jedoch bis auf ein schmales Becken zurückgebaut ist. 

Wer noch nicht genug vom Tag und von der Tour hat, der darf mir gerne noch etwas weiter entlang des Landwehrkanals bis zur U-Bahn Hallesches Tor folgen. Am Restaurant Altes Zollhaus vorbei, wenige Meter weiter lädt auch noch der Biergarten Brachvogel zum Verweilen ein. Wenn du all diesen Verlockungen widerstehen kannst, enden wir nun doch am Halleschen Tor an der U-Bahn, die hier eine Hochbahn ist. Von hier aus empfehle ich dir, wie immer, ein Abendessen zum Finale der Tour:

Du hast mehrere Möglichkeiten zur Auswahl:
Du fährst mit der U6 zurück zum Mehringdamm (eine Station, zu Fuß geht es deshalb auch). An der Ecke zur Kreuzbergstraße, die du schon von heute Morgen kennst, liegt das Brauhaus Dolden Mädel mit seiner großen Auswahl an Craftbeer vom Fass und gutem Essen. Wenn du eher auf traditionelle Küche stehst und auch nichts gegen Live-Musik einzuwenden hast, solltest du das Yorckschlösschen besuchen – du findest es eine Kreuzung früher rechts in der Yorckstraße. Ich mache in jedem Fall vor alledem einen Abstecher in den Bierladen – Craftbeer vom Fass in einem gehobenen Späti. Mir gefällt das 😉

Und wenn du wiederkommst:
Dann solltest du unbedingt das Technikmuseum am Gleisdreieck – gleich neben der station berlin – besuchen, oder einen Abstecher in den Park am Gleisdreieick wagen. Ein tolles Freizeit- und Erholungsgebiet. Auf der anderen Seite des Landwehrkanals kommst du zum Mittelpunkt Berlins – eine Tafel weist darauf hin, aber Vorsicht: spektakulär ist das dort nun wirklich nicht. Interessant ist aber ein Abstecher in die König-Galerie, eine ehemalige Kirche mit wechselnden Kunstausstellungen.